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Scary Stories No. 2

Erster


Na, Lust auf eine Runde Laufen? Ich habe hier ein paar außergewöhnliche Schuhe, doch zum Laufen empfehle ich sie trotzdem nicht. Denn bei einem guten Laufschuh muss die Verbindung zwischen Schuh und Läufer stimmen, denn jeder Schuh und jeder Läufer ist anders. Insbesondere diese Schuhe sind anders, oh ja.


Dem jungen Mann, der sie als letztes getragen hat, haben sie gepasst wie angegossen. Doch ob das etwas Gutes bedeutet, solltest du dir selbst anhören.


*Stimmengeflüster „Du musst Erster sein! Du musst Erster sein! Du musst Erster sein!"*


Thomas' Zielstrebigkeit war schon immer beeindruckend, aber hin und wieder auch Furcht einflößend. Noch beängstigender war allerdings seine Habsucht und sein Neid. Wenn ihm etwas gehörte, dann durfte es ihm niemand wegnehmen.


Das hat damals in seiner Jugendphase begonnen. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie er zusammen mit einem Freund in seinem Zimmer gesessen und ein Videospiel gezockt hat. Sein Freund konnte ihn um wenige Punkte schlagen und hatte somit Thomas alten Rekord gebrochen. Er hat damals noch ewig lange wortlos vor der Konsole gesessen und den aufblinkenden Namen seines Freundes am Ende der Rekordtabelle gestarrt. Ich bin dann irgendwann einfach ins Bett gegangen.


Als ich am nächsten Tag aufgewacht bin, lag er nicht neben mir im Bett. Ich habe ihn dann in der ganzen Wohnung gesucht und dachte, er wäre vielleicht schon früher wieder zur Uni gegangen. Aber nein, er saß noch immer unverändert im Wohnzimmer und starrte wie gebannt auf den flackernden Fernseher. Er musste die ganze Nacht gespielt haben, denn er hatte tiefblaue Augenringe und wirkte geistig abwesend. Auch jetzt zeigte er keinerlei Reaktion auf meine Fragen. Er zuckte nicht einmal, als ich ihn in den Arm gekniffen habe.


Thomas ist den ganzen Tag auch nicht mehr in die Uni gegangen. Er hatte den gesamten Tag mit diesem Videospiel verbracht. Heute weiß ich, dass sein Ehrgeiz ihn dazu trieb, das Spiel nicht eher zu beenden, bevor er nicht den Rekord seines Freundes gebrochen hatte.


Damals habe ich mir über dieses Verhalten keine Sorgen gemacht: Männer können es nun mal einfach nicht haben, wenn sie in etwas besiegt werden. Doch mit der Zeit wurde es schlimmer.


Als wir beide unser Studium abgeschlossen hatten, verschlug es uns in der Arbeitswelt in verschiedene Richtungen. Thomas hatte vorerst eine Anstellung als Autohändler eines namhaften Herstellers angenommen. Er arbeitete sich schnell vom Aushilfsarbeiter zum fest angestellten Topverkäufer hoch und wurde schon bald Mitarbeiter des Monats.


Er behielt diesen Titel eine lange Zeit und verdiente eine Menge Geld mit den Provisionen. Eigentlich dachte ich, er wollte das Geld für uns sparen, damit wir später einmal ein Haus kaufen könnten. Kaum hatte ich die Worte „unsere Ersparnisse“ in den Mund genommen, erntete ich dafür einen so hasserfüllten und gierigen Blick, wie ich ihn bei ihm noch nie gesehen hatte. Er sprach es nicht aus, doch seine Körpersprache machte mir sehr deutlich, dass ich dieses Thema wohl besser nicht mehr ansprechen soll. Ich hatte wirklich für einen Moment den Gedanken Schluss zu machen, da ich nicht mit einem derart habgierigen Menschen zusammenleben wollte. Aber er war ja nicht immer so und ich dachte mir, das liegt sicher alles nur am Stress.


Nachdem er eine große Menge an Geld angespart hatte, kaufte er sich davon einen sündhaft teuren Sportwagen. Schwarz lackiert, 300PS, von 0 auf 100 in wenigen Sekunden. Ich war etwas verwundert, als er eines Tages mit diesem Auto in unserer Auffahrt stand und mich auf eine Spritztour einlud. Ich hatte nicht erwartet, dass tatsächlich jemand anderes außer ihm dieses Auto betreten durfte. Er schien einfach einen guten Tag zu haben. Doch dies änderte sich schnell wieder.


Thomas fuhr auf der Autobahn, als wäre der Teufel hinter ihm her. Er trat das Gaspedal vollständig durch und überholte links, rechts und auf den Seitenstreifen. Die Autos schossen an uns vorbei wie verschwommene Projektile. Auf mein Schreien und Weinen hat er nicht reagiert. Sein Blick war einfach nur starr gerade ausgerichtet, während er etwas vor sich hin murmelte. Er schien den Verstand verloren zu haben und ich war mir sicher, dass wir beide sterben würden.


Es war abzusehen, dass schon bald einige blaue Lichter hinter uns aufleuchteten und das Heulen von Sirenen das hämmernde Motorgeräusch durchbrach. Die Polizei war uns dicht auf den Fersen, auch wenn es ihnen schwerfiel Thomas zu folgen. Doch schon bald hatten sie uns eingekeilt und den Wagen ausgebremst.


Als der Wagen dann endlich still stand, saß Thomas vor dem Lenkrad und zitterte. Sein Blick war noch immer starr gerade aus und einfach nur furchterregend. Ich bin damals als Erstes ausgestiegen und habe mich sofort mit den Polizisten unterhalten. Ich habe sie angelogen. Thomas hätte einen Anfall und das Bremspedal war blockiert. Was sollte ich denn tun? Er war mein Freund, ich wollte nicht, dass er ins Gefängnis kommt.


Glücklicherweise hatten die Beamten mir diese Story abgekauft, doch Thomas Auto wurde konfisziert. Als ihm das mitgeteilt wurde, versetzte es ihn so sehr in Rage, dass er beinahe doch noch ins Gefängnis gekommen wäre.


Leider verbreitete sich die Geschichte schnell, sodass ihn sein Chef für einige Wochen beurlaubte. Thomas hätte besser nicht wieder dort hin zurückkehren sollen.

Als seine Beurlaubung vorbei war und er im Autohaus angekommen war, grinste ihn dort das Foto eines neuen Mitarbeiter des Monats an. Es war das erste Mal seit er dort arbeitete, dass sein Bild ersetzt worden war. Und es war auch das erste Mal, dass in diesem Autohaus ein Mitarbeiter einem anderen mit einem Ausstellungsschild fast den Schädel eingeschlagen hatte. Thomas hatte es nicht ertragen können, dass ihm jemand seinen Titel gestohlen hatte.


Nach diesem Vorfall wurde er in psychiatrische Hilfe geschickt. Er hatte mehrere Sitzungen in der Woche und der Arzt empfahl ihm Laufsport zu betreiben. Ich kann mich noch an die Worte des Arztes erinnern:


„Sie haben ein furchtbar ausgeprägtes Konkurrenzdenken, wenn sie unter Stress stehen. Sie sollten am besten hin und wieder mal eine Runde joggen gehen, da gibt es keine Konkurrenz. Jeder läuft sein Tempo und wenn man alleine läuft, gibt es niemanden den sie überholen müssen.“


Ich war damals so naiv und dachte mir, dass ihm diese sanfte Art von Therapie vielleicht wirklich wieder etwas mehr innere Ruhe bringen könnte. Doch ich hatte weit gefehlt.


Ich weiß nicht, woher er diese Schuhe hatte, aber seit er sie einmal getragen hatte, fing er an jeden Tag zu joggen. Anfangs nur kleine Strecken und wenige Monate später bereits einen Halbmarathon. Jedes Mal, wenn er zu Hause ankam, klappte er fast zusammen. Ich machte mir damals schon Sorgen, dass ihn dieses exzessive Training zu stark entkräften würde.


Nach einiger Zeit wurde ich auch Teil seines Trainings. Er lief morgens los und ich durfte ihn dann nachmittags halb tot irgendwo abholen. Es ging damit weiter, dass ich mich an unterschiedlichen Stellen mit ihm treffen sollte, um ihm eine Banane und Wasser zuwerfen zu können. Zuerst war ich nicht sonderlich erfreut über diese zusätzlichen Aufgaben zu meinem eigentlichen Hauptjob, doch ich wollte ihm auch bei seiner Genesung beistehen.


Bald sind seine Lauftouren über 24 Stunden hinaus gegangen. Ich bekam Nachrichten wie „In zwei Stunden Treffen in am See. In 12 Stunden an der Kirche.“ Er war zwar nicht der allerschnellste, doch er lief wie eine Maschine. Nach diesen Touren verbrachte er einige Tage nur im Bett und bewegte sich kaum. Ab diesem Moment machte ich mir wirklich Sorgen, doch er wollte nicht mit mir darüber reden. Manchmal hatte er nachts noch die Schuhe im Bett an und redete leise im Schlaf. Schon damals hatte ich so eine Ahnung, dass ich noch jemanden hören konnte.


*Stimmengeflüster „Du musst Erster sein! Du musst Erster sein! Du musst Erster sein!"*


Es war ein kühler Sonntag, als ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Er zog sich gerade seine total zerfetzten Jogging-Schuhe an. Ich fragte ihn damals, wie lange er diesmal fort sein würde und bat ihn darum bei mir zu bleiben. Thomas hat mich damals nur freudig angelächelt. Heute werden wir es schaffen und das kann uns dann keiner mehr nehmen, sagte er. Ich habe damals nicht verstanden, was er meinte oder warum er in der Mehrzahl von sich sprach. Er sagte, es wäre das letzte Mal, dass er Laufen gehen würde.


Ich hatte ihm zum Geburtstag einen Fitnesstracker geschenkt, welcher seine Lauferfolge in einer App veröffentlichte. Thomas hatte dadurch bereits eine Menge Bewunderer, die seine Läufe live mit verfolgten. Und so auch an diesem Tag. Und den Tagen darauf. Laut des Trackers war Thomas bereits seit vier Tagen ununterbrochen gelaufen und das Interesse der Öffentlichkeit richtete sich nach und nach auf den „unermüdlichen Läufer“.


Noch vier Tage später war Thomas schon eine Online-Berühmtheit unter den Läufern. Es wurde überall diskutiert, ob er wirklich schon acht Tage ohne Unterbrechung gelaufen war oder ob das alles bloß Fake sein musste. Laut Augenzeugen hatte Thomas beim Laufen hin und wieder mehrere Stunden seine Augen geschlossen und schien zu schlafen, obwohl sich seine Beine noch immer bewegten.


Schon bald war seine Berühmtheit derart groß geworden, dass ein eigenes Reporter-Team inklusive Helikopter zur Live-Übertragung engagiert wurde, um diesen unmenschlichen Läufer auf Schritt und Tritt zu verfolgen.


Die Reporter wurden erst nach zehn Tagen skeptisch, da Thomas seit zwei Tagen keine Nahrung oder Wasser mehr zu sich genommen hatte. Die Tage zuvor hatten ihm die Leute Obst oder Wasserflaschen zugeworfen, doch seit zwei Tagen reagierte er nicht mehr darauf. Die Wasserflaschen prallten einfach an ihm ab und hinter ihm zog sich eine lange Spur aus zertretenem Obst.


Also haben sie ein Team von Sanitätern dazu geholt, die seine Vitalwerte überprüfen sollten. Sie hatten auch eine Kamera dabei, da sie den ersten Kontakt mit dem Läufer festhalten wollten. Doch die Live-Übertragung wurde binnen weniger Sekunden beendet. Ich weiß aber, was ich in dieser Sekunde davor gesehen habe:


Als sie seine Jacke geöffnet hatten und das Shirt hochgehoben haben, konnte man seinen eingefallenen, staubtrockenen und abgemagerten Körper sehen. Es war nichts mehr übrig außer einigen mit Haut überzogenen Rippen. Er war schon lange tot.


Niemand weiß, wie lange er noch da draußen unterwegs ist. Nachdem sie seinen Tod festgestellt hatten, ist er in einem dichten Wald verschwunden und hat alle Verfolger zwischen den Bäumen abgehängt. Sein Tracker funktioniert schon lange nicht mehr. Aber hin und wieder findet man Berichte von Menschen, die Thomas gesehen haben wollen, wie er an ihnen vorbeigejoggt kam.


Heute erst verstehe ich, weshalb es so gekommen ist. Er hätte niemals mit dem Joggen beginnen dürfen, denn beim Joggen konnte er niemals der Erste sein. Und er hätte niemals diese Schuhe tragen dürfen.


*Stimmengeflüster „Du musst Erster sein! Du musst Erster sein! Du musst Erster sein!"*


Und damit hat sie so recht. Egal, ob wenige Meter oder mehrere Kilometer – vor dir ist immer irgendjemand. Wie will man da schon der Erste sein?


Keiner weiß so genau, wie lange sich der Bursche noch auf den Beinen gehalten hat. Ich habe die Schuhe während einer meiner Reisen am Bordsteinrand entdeckt. Und so, wie die Dinger riechen, muss er sie wohl noch eine ganze Zeit lang getragen haben.


Aber immerhin hat er definitiv ein Ziel erreicht, denn diesen Rekord wird so schnell wohl keiner mehr brechen.


Dir hat die Geschichte gefallen? Dann auf zum Hörbuch!


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